Der Kampf der Veteranen

17.09.2020

Best Practice Geschichten

Neues Deutschland berichtet über SozialMarie-Preisträger Zeleni odred (The Green Squad)

Umweltschutz gilt in Kroatien als Thema der urbanen Mittelschicht. Doch ausgerechnet die Mitglieder des Veteranenvereins ViDrA (Veterani i društvena akcija – Veteranen und gesellschaftliche Aktion) zeigen, dass Umweltschutz nicht bloß eine Sache des städtischen Lifestyles ist, sondern auch eine sehr brennende soziale Frage. Ein Thema liegt dabei der Vorsitzenden Vesna Grgić besonders am Herzen: der Schutz der kroatischen Wälder.Deshalb gründete sie die Arbeitsgruppe Zeleni odred (Grüne Truppe). Und diese hat in den vergangenen Jahren mächtig Staub aufgewirbelt.

Kroatien hat im europäischen Vergleich relativ wenig privatisierte Wälder. Allerdings ist die Art und Weise, wie das für die Verwaltung der Wälder zuständige Staatsunternehmen Hrvatske šume d.o.o. (Kroatische Wälder GmbH) über das öffentliche Eigentum verfügt, äußerst fragwürdig. Der kroatische Staat subventioniert die einheimische Holzindustrie seit Jahren mit der Begründung, die Entwicklung des Sektors zu fördern. Dies hat zur Folge, dass der Holzpreis pro Kubikmeter im jüngsten EU-Mitgliedsstaat deutlich billiger ist als in anderen europäischen Ländern. Davon profitieren jedoch nur wenige große Unternehmen, die das subventionierte Holz aufkaufen. Kleine Sägewerke und Holzverarbeitungsbetriebe können zwar an den öffentlichen Ausschreibungen teilnehmen, gehen aber meistens leer aus.

Das undurchsichtige Vergabeverfahren begünstigt auch Korruption. Einige Biomasseheizwerke kauften jahrelang Holz, ohne überhaupt in Betrieb gegangen zu sein. Darüber hinaus ist unklar, wie viel Holz die Sägewerke wirklich verarbeiten, da die zuständigen Aufsichtsbehörden oft ihre Pflicht vernachlässigen, was der Industrie die Tür für ungestörte Holzausfuhr und millionenschwere Gewinne öffnete. Die Dumpingpreise für das Holz haben also das Wachstum und die Entwicklung der kroatischen Holzindustrie überhaupt nicht gefördert.

Doch der Einsatz der Umweltschützer sorgt für Gegenwind – und zwar von ganz oben. „Zeleni odred ist auf einer Sitzung der Regierung mit Premierminister Andrej Plenković als eine ‚gefährliche Gruppe‘ bezeichnet worden“, sagt Grgić mit Stolz. In der Tat bekommt Grgić deshalb immer wieder Drohungen, drei Mitglieder von der Grünen Truppe wurden sogar verprügelt.

Die Innovation des Zeleni odred liegt nicht nur darin, dass eine Initiative „von unten“ wuchernde Kriminalgeschäfte ins Licht der Öffentlichkeit gerückt hat. Und auch nicht nur darin, dass hierfür zum ersten Mal anonyme, mutige Whistleblower aus dem Staatsunternehmen am Einsatz waren. Das Innovative ist auch die Entstigmatisierung der Veteranen, die ansonsten häufig zu billigen politischen Zwecken instrumentalisiert werden. Damit zeigt der Verein, dass es auch unter den Veteranen Menschen gibt, die nicht dem Nationalismus, sondern anderen Themen verpflichtet sind. Und hier gehören nicht nur der Umweltschutz, sondern auch Antifaschismus als eines der Grundwerte der kroatischen Verfassung und Schutz des Gemeinguts.  

Für das Engagement wurde Zeleni odred mit dem 2000 Euro-Preis ausgezeichnet. Die wachsende Bekanntheit wollen die Mitglieder der Organisation nutzen, um auf die fortschreitende Umweltzerstörung in Kroatien aufmerksam zu machen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. 2018 erstattete die Organisation Anzeige gegen Landwirtschaftsminister Tomislav Tolušić, dessen Vorgänger Tihomir Jakovina und den HŠ-Vorstandsvorsitzenden Krunoslav Jakupčić wegen Waldverwüstung und Amtsmissbrauch. Bis heute wurde aber kein Gerichtsverfahren eingeleitet. „Deswegen haben wir 80 Seiten Beweise über die Verwüstung der kroatischen Wälder und die Rolle der zuständigen Institutionen an die EU-Kommission und das Parlament geschickt“, sagt Grgić. Antwort erhielt sie von dem österreichischen EU-Abgeordneten Thomas Waitz (Grüne), der sich bereits früher gegen die übermäßige Waldrohdung in Polen und Rumänien eingesetzt hat. Grgić hofft, dass es jetzt auch in Kroatien dazu kommt.

Hier geht es zum Profil des Projekts auf unserer Homepage.

 

Dieser Text wurde ursprünglich veröffentlicht am 17. September 2020 in der Zeitung Neues Deutschland

Text: Fran Radonić Mayr, bearbeitet von Ivana Perica

Foto © Zeleni odred